
Ein stilles Risiko, das viele unterschätzen
In meiner täglichen Arbeit als Physiotherapeut fällt mir immer häufiger auf, dass viele meiner Patienten über lange Zeit hinweg Magenschutzmedikamente wie Pantoprazol oder Omeprazol einnehmen. Diese sogenannten Protonenpumpenhemmer (PPI) werden häufig bei Reflux, Sodbrennen oder Gastritis verschrieben – manchmal für wenige Wochen, oft aber über Jahre hinweg.
Kurzfristig sind diese Medikamente hilfreich. Doch bei einer Langzeiteinnahme entstehen Risiken, die viele nicht kennen oder unterschätzen. Besonders auffällig sind die häufigen Mängel an Vitamin D und Vitamin B12 – aber es gibt noch weitere wichtige Nebenwirkungen, die Sie kennen sollten.
🧠 Vitamin B12-Mangel: Wenn das Nervensystem leidet
Vitamin B12 (Cobalamin) ist essenziell für das Nervensystem, die Blutbildung und die DNA-Synthese. Die Aufnahme im Körper ist komplex: Im Magen wird das Vitamin durch die Magensäure aus der Nahrung gelöst und an den sogenannten Intrinsic Factor gebunden – ein Transportprotein, das ebenfalls im Magen gebildet wird. Nur so kann es im Dünndarm aufgenommen werden.
PPIs hemmen nicht nur die Säureproduktion, sondern stören damit auch diesen entscheidenden Aufnahmemechanismus. Die Folge ist ein schleichender Vitamin-B12-Mangel, der sich erst nach Jahren bemerkbar machen kann.
Mögliche Symptome:
Taubheitsgefühle, Kribbeln in Händen oder Füßen Gangunsicherheit, Schwindel Konzentrations- und Gedächtnisstörungen Müdigkeit, depressive Verstimmungen Blutarmut Erhöhtes Risiko für Demenz
☀️ Vitamin D-Mangel: Das Sonnenvitamin fehlt oft still
Vitamin D wird hauptsächlich durch Sonnenlicht auf der Haut gebildet. Besonders in den Wintermonaten, bei älteren Menschen, bei Menschen mit dunkler Haut oder bei mangelnder Bewegung ist die körpereigene Produktion deutlich reduziert.
Ein Mangel kann sich äußern durch:
Erhöhte Infektanfälligkeit Muskelschwäche oder Muskelschmerzen Schlafstörungen Müdigkeit, Stimmungsschwankungen Knochenschmerzen, Osteoporose Konzentrationsprobleme
⚠️ Weitere Langzeitfolgen durch PPI-Einnahme
🔻 Magnesiummangel
PPIs können die Magnesiumaufnahme stören – mit Symptomen wie Muskelkrämpfen, Herzrhythmusstörungen oder chronischer Müdigkeit.
🦴 Calciummangel und erhöhtes Frakturrisiko
Durch den erhöhten pH-Wert im Magen wird Calcium schlechter resorbiert. Dies erhöht das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche, vor allem bei älteren Patienten.
🦠 Höheres Risiko für Infektionen
Der Magensäurewert steigt durch PPI stark an. Dadurch wird die natürliche Schutzfunktion gegen Bakterien reduziert – insbesondere im Magen-Darm-Trakt.
💊 Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
PPIs verändern die Aufnahme vieler Arzneimittel. Dazu gehören z. B. HIV-Medikamente, bestimmte Krebsmedikamente (z. B. Tyrosinkinase-Inhibitoren), Eisen, Folsäure und Magnesium.
🔬 Wissenschaftlicher Hintergrund – was im Körper passiert
Vitamin B12 wird nur dann aktiv aufgenommen, wenn es im Magen an den Intrinsic Factor binden kann. Wird die Magensäure reduziert, bleibt dieser Prozess aus – ein Mangel entsteht, obwohl ausreichend B12 über die Nahrung aufgenommen wird.
Vitamin D wird über die Haut durch UVB-Strahlung aus Cholesterin gebildet. Ist die Sonnenexposition unzureichend, sinkt die Produktion stark. Auch chronische Erkrankungen oder Übergewicht können die Umwandlung in die aktive Form hemmen.
Magnesium und Calcium benötigen für eine optimale Resorption ein saures Milieu – dieses fehlt unter PPI-Therapie. Auch hier drohen langfristig Mängel, die häufig unentdeckt bleiben.
🌿 Was Sie bei Sodbrennen selbst tun können
Wenn Sie unter Sodbrennen oder Refluxsymptomen leiden, gibt es neben Medikamenten auch wirksame, natürliche Maßnahmen, die helfen können:
🍽️ Ernährung optimieren
Meiden Sie scharfe, fette, stark gewürzte Speisen Verzichten Sie auf Kaffee, Alkohol, Schokolade und kohlensäurehaltige Getränke Reduzieren Sie säurebildende Lebensmittel wie Zitrusfrüchte und Tomaten
🍴 Essverhalten anpassen
Kleine, regelmäßige Mahlzeiten statt große Portionen Nicht direkt nach dem Essen hinlegen Abends nicht zu spät oder schwer essen
🛏️ Schlafposition verbessern
Lagern Sie den Oberkörper im Bett etwas höher, um nächtliches Sodbrennen zu vermeiden
🧘♂️ Stress reduzieren
Entspannungstechniken wie Meditation, Atemübungen oder Spaziergänge helfen dem Magen
🌱 Hausmittel nutzen
Kamillen- oder Fencheltee beruhigen die Magenschleimhaut Kaugummikauen fördert die Speichelproduktion, die überschüssige Magensäure neutralisieren kann
⚖️ Körpergewicht reduzieren
Weniger Bauchdruck bedeutet weniger Rückfluss – schon kleine Gewichtsverluste können helfen
✅ Was Sie als Patient tun können
Lassen Sie Ihren Vitamin D-, B12-, Magnesium- und Calcium-Spiegel regelmäßig überprüfen – besonders, wenn Sie seit mehr als 6–12 Monaten Magenschutzmedikamente einnehmen. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt über die Möglichkeit einer gezielten Nahrungsergänzung. Setzen Sie PPI niemals plötzlich ab – ein kontrolliertes Ausschleichen ist medizinisch notwendig. Achten Sie auf Warnzeichen wie Müdigkeit, Muskelschwäche, Konzentrationsstörungen oder wiederholte Infekte.
🩺 Fazit
Die langfristige Einnahme von Magenschutzmitteln sollte nie auf die leichte Schulter genommen werden.
Wenn Sie selbst solche Medikamente seit über einem Jahr einnehmen und sich in einigen der genannten Beschwerden wiedererkennen, sprechen Sie bitte unbedingt mit Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin.
Ein einfacher Bluttest und gezielte Maßnahmen können langfristige Schäden verhindern und Ihre Lebensqualität deutlich verbessern.
📚 Literatur und Quellen
CTK-Labor Cottbus: Vitamin-D-Mangel erkennen und behandeln Herausgegeben von: CTK-Poliklinik GmbH, Laboratoriumsmedizin www.ctk.de Kassenärztliche Vereinigung Berlin: Patienteninformation – Protonenpumpenhemmer: Pantoprazol, Omeprazol & Co, Dezember 2023 Website: www.kvberlin.de Deutsches Ärzteblatt: Protonenpumpenhemmer – Wie sich die Bioverfügbarkeit anderer Arzneistoffe verändert Autor: Dr. Peter M. Schweikert-Wehner URL: www.aerzteblatt.de ARS MEDICI / Der Allgemeinarzt: Vitamin-B12-Mangel – ein wichtiger Risikofaktor Autor: Prof. Dr. med. Klaus Kisters, erschienen 2017 Verlag: medinfo Verlag, übernommen von “Der Allgemeinarzt”, Ausgabe 7/2016 www.arsmedici.ch
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